VIDEO STREAMING

3. Fachliches Umfeld

Neben HTTP Live Streaming gibt es zahlreiche andere Verfahren, die entweder unidirektionale oder bidirektionale Übertragung ermöglichen. Im Gegensatz zum Live-TV, benötigt bspw. ein zwei- oder mehrseitiges Gespräch ein Echtzeitprotokoll, wie RTSP oder WebRTC, die es ermöglichen, ohne Verzögerung in alle Richtungen zu senden.

Im Fall von unidirektionalen TV-Konsum kann der Live-Stream unter Umständen zeitversetzt sein, was der Fall beim HLS-Protokoll ist. Gleichzeitig ist das HLS-Protokoll ein für Video on Demand (VoD) geeignetes Format, da es durch seine Einfachheit unter minimalen Bedingungen erfolgreich eingesetzt werden kann, ergo kann ein HLS-basierter Streaming Service überdurchschnittlich kosteneffektiv skaliert werden. Dies wird durch die Verwendung von bloßen HTTP-Anfragen ans Dateisystem ermöglicht. Das HTTP-Protokoll ist zustandslos (stateless), d.h. hinter der Streamingverbindung verbirgt sich grundsätzlich keine weitere Logik, außer dem unidirektionalen Senden von Audio- und Videosegmenten. Im Vergleich zu zustandsvollen (stateful) Protokollen, die jede Session direkt verwalten (RTMP), spart ein HTTP-basierter Streaming Server diese Rechenresourcen, die teils immens sind. Darüberhinaus macht das HTTP-Protokoll Gebrauch von der weltweiten Internetcache-Infrastruktur, was bei korrekter Konfiguration seitens des Servers den Datenvolumenverbrauch deutlich reduziert9.

HLS ist in vielen umfangreichen Medienservern, wie dem IIS-, Helix-, Wowza– Medienserver und anderen Produkten integriert. Die genannten Streaming-Software-Produzenten bieten vielseitige Konfigurationsoptionen an, etwa für Set Top Boxen-spezifische Enkodierung, wobei die, in dieser Arbeit konzipierte Lösung explizit für Webencoding bestimmt ist.

Neben HLS gibt es andere bedeutende HTTP Streaming Verfahren, darunter MPEG-DASH (Dynamic Adaptive Streaming over HTTP), Microsoft Smooth Streaming (MSS) und Adobe HTTP Dynamic Streaming (HDS). Zum Einsatz kommen jedoch in seltensten Fällen sie allein, denn in der Regel treten sie in der Form von diversen vertikalen Anwendungen auf, z.B. ein Musikstreamingdienst wie Spotify, der neben der Basistechnologie zahlreiche hausgemachte Ergänzungen zur Streamingdienstleistung hinzufügt. Im Internet nutzen die Herausgeber i.d.R. ganze Streaminglösungen aus diversen Softwarehäusern und Medienunternehmen, die ihrer Beliebtheit nach in Tabelle 2 aufgelistet wurden. Dabei wurden Anwendungen und Technologien gleichermassen in eine Menge vermischt. Streaming ist nicht wie vor 10 oder 20 Jahren der Kommunikationsvorgang an sich. Mittlerweile handelt es sich um ein interdisziplinären Begriff, der sowohl im User Interface/User Experience (UI/UX) seine Konkretisierung findet, wie in der Vermessung von Zuschauern (bzw. Usern) durch Statistikunternehmen. Jeder Betreiber richtet sich hierzu einen maßgeschneiderten Player ein, der sowohl den Transport, die Entschlüsselung sowie zahlreiche Analytics- und UI-Features enthält, die der Contentanbieter in seinem Kommunikationskonzept vorsieht. Daraus entsteht eine Lösung für einen vertikalen Markt (bspw. Musikstreaming oder Sportstreaming), die je nach Akzeptanz ihre Verbreitung findet und ihren Zweck erfüllt. Deswegen muss eine Streaminglösung in ihrem gesamten Kontext betrachtet werden, und nicht hauptsächlich nach dem Aspekt des Transports und des Formats, denn das alleine gibt wenig Auskunft über die praktische Nutzbarkeit in einem bestimmten Kommunikationsszenario.

Tabelle 2: Popularität verschiedener Streaming Anwendungen bzw. -Technologien im Internet nach Webseitenfrequenz. In rot die in dieser Arbeit behandelten Technologien10

3.1. Youtube und andere

Wie in der Einleitung zu diesem Kapitel angesprochen, bedeutet Streaming heutzutage eine ganze Erlebniswelt, ähnlich wie Virtual Reality und Immersive 360°-Apps.

Youtube fing 2005 als reines Upload & Watch-Vergnügen an11. Schnell haben die User entdeckt, dass kitschige Videos mit Popmusik unterlegt die größte Beliebtheit erreichen. Deswegen war Youtube faktisch das größte Musikpiraterieportal der Welt, bis seine Funktionsweise nach Jahren legalisiert und die notwendigen Vereinbarungen mit den Rechteinhabern getroffen wurden, um ihre Werke legal als VoD zum Anhören anzubieten12. Die Originalwerke werden oft mit bizarren Amateurvideos oder Photoslideshows unterlegt, die unter der Regie der jeweiligen Fans auf Youtube entstehen und von ihnen privat hochgeladen werden.

Für Youtuber, die urheberrechtlich geschützte Musik in ihren Produktionen verwenden, ist die Veröffentlichung auf Youtube, Vimeo und DailyMotion ein Weg, den Kosten für die Verwendung eines fremden Werkes zu entgehen, sofern das jeweilige Videoportal einen Vertrag mit dem Rechteinhaber für die automatische Verwertung seiner Musik besitzt13.

Bezahlt wird diese Gratisfunktionalität mit Werbung, die mitten auf dem Video angezeigt wird, der Erfassung der kompletten Onlineaktivität sowohl des Publishers als auch seiner Zuschauer, sowie der Teilnahme an einer vielfältigen Community von 1,8 Milliarden eingeloggten Usern.

Musikstreaming ist der Statistik nach die beliebteste Tätigkeit auf Youtube. Von den größten Musikdiensten Spotify, iTunes, Pandora und Amazon Music wirft Youtube trotz einer riesigen Mediendatenbank die kleinste Rendite für die Rechteinhaber ab. Der Grund dafür ist, daß Youtube a) seit jeher ein Crowd-Upload-Portal ist und die vielfältige Musikauswahl den Usern zu verdanken hatte. So ein Angebot ist jedoch chaotisch, da die Metadaten, die die User den Videos beifügen, oft irreführend oder auch falsch sind. Es gibt also in der Musiksparte von Youtube keine Kuratoren, die sich um die Aufmachung und Qualität des Musikangebots kümmern, da der Schwerpunkt auf der Skalierung der Anzahl der Useruploads bis in absurde Größenordnungen liegt14. Deswegen sind kurierte Musikstreamingdienste wie Spotify und iTunes im Vorteil gegenüber einer chaotischen Mediendatenbank.

Eingeloggte Youtube-User weltweit

Die beliebtesten Youtubevideos aller Zeiten

Abbildung 2: Youtube-User weltweit15 u. beliebteste Youtubevideos aller Zeiten16

Darüberhinaus sind b) Youtube-User daran gewöhnt, dass die Musik auf Youtube umsonst ist. Mittlerweile hat Google versucht, unter einigen Projektnamen ein entgeltpflichtiges Angebot zu erstellen (Youtube Red, Youtube Music Key, Youtube Premium und andere). Diese Programme sind immer wieder an einer ökonomisch nicht zu tragenden Zahl von zahlenden Usern gescheitert. Youtube hat offenbar den genetischen Fehler in seinem Business-DNA, dass seine Kunden ihn für gratis halten (genauso wie Luft und Facebook) und ihr Konsumverhalten nicht schnell geändert werden kann, auch nicht bei 1,8 Milliarden eingeloggten Usern17.

Merkwürdigerweise gehört Google Music zu einer anderen Sparte des Google Konzerns, weswegen die beiden Dienste nur bedingt zusammengefügt werden können, was der Versuch beim Youtube Music Key-Angebot war18.

Es stellte sich also heraus, dass Youtube nicht unbedingt etwas für alle ist, vielleicht deswegen, weil Youtube etwas für alle sein möchte. Es macht auch bei anderen Portalen Sinn, zu wissen, welche Inhalte vorwiegend mit ihnen gestreamt werden. Alleine die Möglichkeit, zu einer gewissen Usergruppe per gratis-Streaming zu gelangen, bedeutet noch keinen Erfolg, denn die User können vom jeweiligen Streamingportal an eine gewisse Bandbreite, oder Fülle, von Themen gewöhnt sein. So verhält es sich mit Facebook, das mittlerweile eine stabile Version seiner Streamingplattform an seine User liefert.

Ebenso sind Livevideos von Schießübungen seit Kurzem uner-wünscht, was im Fall von Youtube zur Löschung des Medien-Assets führt19, obwohl diese Videos keine Kennzeichen der Illegalität in den U.S.A. besitzen, wo eine Diskussion über die Zensurrolle, die sich Youtube anmaßt, entfacht ist.

Abbildung 3: Die beliebtesten Videopublisher/Facebook Video20

3.2. White Label

Da für einen Videounternehmer verständlich ist, daß Youtube, Facebook u.a. mit ihren starken Marken einen gewissen Balast auf die Originalinhalte der Publisher legen, ist es von Vorteil, einen White Label Streaminganbieter in Erwägung zu ziehen, da dieser unser Kommunikationskonzept nicht mit einem ganzen Korb an eigenen Brandeigenschaften und -funktionalitäten zudeckt.

In Tabelle 3 wurden die Preise für den Betrieb einer VoD- und Live-Streaming-Plattform zusammengetragen. Eine White Label Plattform lässt uns über sämtliche Playoutfunktionen unserer Video-Assets entscheiden. Von Branding bis Forum sind i.d.R. alle Funktionen vertreten, um eine ganze WebTV-Community zu verwalten, bloß ohne völlig zufällige User, die durch einen Algorithmus, der nicht kontrolliert werden kann, auf den Inhalt aufmerksam geworden sind, und von demselben Algorithmus wieder zu anderen Anbietern, anderen Inhalten weitergeleitet wurden. Auch wenn ein Video über tausend Mal gespielt wurde, heisst es nicht, dass sich darunter meine einschlägige Kundschaft befindet, da das Zuschauerprofil zu diffus sein kann. Eine White Label Plattform ist für einen Webdeveloper ebenfalls verhältnismässig leicht in eine WordPress, BuddyPress usw. -Community zu integrieren. Auf diese Weise kann der eigene Internetbroadcast geschaltet werden und bei Bedarf über eine Paywall verwertet werden, ohne dass andere Publisher auf demselben Portal den Verkaufsprozess stören. Näher an eine unabhängige Streaminglösung kommt nur das selbständige Enkodieren der Streams.

HighlightsLivestreamUstreamWowzaIBM Cloud Video
Einstiegspreis$75/mtl.$99/mtl.$199/mtl.$99/mtl.
Spielzeit (Std.) ohne Werbungunbegrenzt1006000100
Speicher (GB)unbegrenzt5025050
Zahl der verfügbaren Kanäle11unbegrenzt1
Wasserzeichenab $999/mtl.ab $799/mtl.X
Paywallab $999/mtl.XXX
Analyticsab $399/mtl.
Geo restrictionab $999/mtlab $799/mtl.
Password Protectionab $999/mtlX
Tabelle 3: Preistarife bei bekannten White-Label-Anbietern21

3.3. Monetisierung

Seit es Internetvideo gibt, überlegen viele Beteiligte, wie man Geld damit verdienen kann. Die Überlegungen fokussieren auf den sog. dramatischen Inhalten, so wie Theater, Spielfilme, Ballett, aber auch Anleitungsvideos, Schulungsvideos mit „Klassenzimmerblick“ uvm.

Bis auf Videokonferenzen zu Geschäftszwecken, Videowerbung, die bedingt etwas mit Unterhaltung im Entertainment-Sinn zu tun hat, Kabelnetzwerke, die Internetvideo mit Set-Top-Boxen ausstrahlen, wie auch Gewinnspiele, Pornografie und schockierende Nachrichten, die kein Teil der dramatischen Unterhaltung sind, wurden bislang wenige effektive Methoden zur Gewinnerwirtschaftung durch Internetvideo, insbesondere Webvideo, in der Praxis erprobt22.

Abbildung 4: Marktanteile der größten VoD-Anbieter in Deutschland
Tabelle 4: Preisstrategien und Angebot der größten VoD-Anbieter in Deutschland

Die wichtigsten Methoden zur Gewinnerwirtschaftung sind im Webvideo/InternetTV:

  • Werbung / Sponsorship – bspw. Red Bull Air Race23
  • SVoD (Subscription-based VideoOnDemand) – bspw. Amazon Video24
  • TVoD (Transaction-based VideoOnDemand) – bspw. iTunes25

Mittlerweile sind viele Nischenanbieter von Royalty Free (frei von Verwertungsrechten) Videos im Internet entstanden. Technisch und juristisch gibt es kein Hindernis, auf diese Weise ein Footage (hochqualitative Aufnahmen) im Internet zu erwerben, an die eigene Kundschaft durch Änderung des Soundtracks oder der Videospur anzupassen und dafür zahlende Kunden zu gewinnen. Der Content kann bis zu einem gewissen Grad beliebig sein, solange die urheberrechtlichen Vorschriften eingehalten werden. Solche und viele ähnliche Szenarien sind für Unterhaltungs- und Schulungsinhalte im Internet denkbar, machbar und frei von rechtlichen Mängeln (es sei denn, der Royalty Free Videoanbieter verkauft widerrechtlich eine geschützte Videoaufnahme). Streaming wird mittlerweile von den Herausgebern als Element einer ganzen Kommunikationsstrategie, bestehend aus Texten und interaktiven Inhalten, betrachtet, denn als ein selbständiges Phänomen – wie vor etwa 10 Jahren. Es ist von Vorteil, Streamingtechnologie soweit zu beherrschen, um sie in eigene Webinhalte ohne den Umweg über einen Drittanbieter einfügen zu können. Ein White Label Streaminganbieter lässt unsere eigenen Inhalte in den Vordergrund rücken und wir haben volle Kontrolle über die Informationen, die der Videoplayer sonst vorspielt.